Es ist ein wunderschöner Sommertag über dem Steigerwaldstadion in Erfurt. Es weht ein kleines Lüftchen, was das Wetter angenehm macht. Das Stadion ist an diesem zweiten Wettkampftag recht gut besucht und ich bin hochmotiviert. Es ist kurz nach Mittag und wir 12 Finalistinnen über 1500 Meter betreten das pompöse Stadion zur Aufstellung. Schnell noch ein oder zwei Steigerungen und dann beginnt auch schon der Wettstreit um die deutsche Meisterschaftskrone…

Ich weiß, ich habe eine gute Form, doch seit Wochen bremsen mich Rückenprobleme so sehr aus, dass mir meine Beine bei starker Belastung einschlafen und ich deshalb bis dahin keine Saison absolvieren konnte. Doch heute spielt das keine Rolle, denn ich konzentriere mich ganz auf mein Finale. Der Plan meines Trainers und mir: Alles mutig Mitaufen! „Sei mutig und überrasch mich“, sagte Tono (Kirschbaum) vor dem Rennen zu mir und ich gab mein Versprechen.

Der Startschuss fällt und Diana Sujew, Konstanze Klosterhalfen und ich laufen rasant an. Wir passieren die 400 Meter, sowie die 800 Meter auf WM-Norm Kurs…. „Weiter geht es, bleib drauf“, denke ich mir! Es ist eines der einsamsten Rennen, die ich je gelaufen bin, denn mittlerweile konnte sich Konstanze problemlos absetzten. Dahinter kommt Diana und mit kurzem Abstand ich… Über die Videoleinwand überprüfte ich immer wieder meinen Abstand zur restlichen Gruppe… 1000 Meter in 2:45 Minunten „Wahnsinn, weiter auf Kurs“….1200 Meter… ich werde langsamer und blicke immer wieder auf die Videowand, um zu sehen wie weit die Gruppe hinter mir weg ist.
Wussten Sie, dass eine Leinwand im Stadion „zeitversetzt“ ist? Ne?! Ich auch nicht… Ich versuche alles zu geben, merke das die Form da ist, jedoch die Wettkampfhärte fehlt und deshalb meine Beine nicht so schnell laufen können, wie ich noch Luft habe und so passiert es, dass mich am Ende noch zwei weitere Läuferinnen überholen.
Nun stehe ich im Ziel – enttäuscht. Es ist keine Medaille geworden. Dennoch bin ich stolz. Hier und heute habe ich eines meiner mutigsten Rennen gezeigt und versuche mich auch damit zu trösten. Mein Trainer nimmt mich auf dem Einlaufplatz in den Arm und bescheinigt mir meinen Mut!

Wochen vergehen und ich trainiere brav weiter. Ende August möchte ich beim großen ISTAF in Berlin beweisen, was in mir steckt. Allerdings wollen meine Rückenprobleme einfach nicht verschwinden und deshalb entschließe ich mich, eine Woche vor dem Start meinen Startplatz frei zu geben und mich auf eine andere Aufgabe zu konzentrieren: Meine Bachelorarbeit steht an und damit mit ein wertvoller Meilenstein in meinem Leben. Eine schwere Entscheidung für mich, aber eine vernünftige. So verabschiede ich mich in die Saisonpause.

Nach Abgabe meiner Arbeit beginne ich im September wieder mit dem Training; motiviert und gleichzeitig motivationslos. Das Problem: Seit Jahren trainiere ich eigentlich alleine. Mein Trainer und ich fassen den Entschluss, uns nach einem neuen Reiz umzusehen. Ein neues Trainingskonzept und eine Gruppe mit gleich starken Mädels soll es sein. Meine Wahl fiel auf meinen Bundestrainer Sebastian Weiß in Leverkusen und er stimmte zu.

Nun ist es also so gekommen, dass ich mir nach zehn Jahren wieder ein rotes Trikot nun aber mit der Aufschrift „Bayer 04 Leverkusen“ überstreifen werde. Doch so ganz habe ich mich von Wattenscheid nicht getrennt, denn Tono bleibt mir als Berater und ich meinem Verein, dem TV Wattenscheid 01, als Mitglied treu. Zudem bleibe ich auch in der Stadt wohnen. Es fühlt sich wie ein Neuanfang an und das Trikot gibt zusätzlich neue Motivation! Mal sehen, vielleicht hilft es ja?!
Die Situation ist aber auch wie ein Déjà-vu, denn vor genau zehn Jahren, nach Abschluss meiner Ausbildung, tat ich das Gleiche und ging nach Wattenscheid. Und das mit Erfolg! Also braucht man doch manchmal einfach nur ein bisschen Mut um Dinge zu verändern….?!

Mittlerweile befinde ich mich wieder im normalen Trainingsalltag. Das erste Trainingslager habe ich im südafrikanischen Dullstroom im November verbracht. Skeptisch bin ich in die „Höhe“ gereist, da ich auch schon schlechte Erfahrung gemacht habe, wollte dem Experiment aber eine Chance geben. Mit Erfolg absolvierte ich dann am Nikolaustag meinen besten Grundlagentest in der Wintervorbereitung. Super, das gibt Mut für die nächsten Monate!
Ein Highlight durfte ich dann doch noch im Jahr 2017 genießen. Ich startete ein paar Tage vor Weihnachten bei den Cross-Europameisterschaften in Samorin mit der Staffel. Es war ein tolles Gefühl nach der unzufriedenen Saison doch noch im Nationaltrikot starten zu dürfen.

Tja, und nun? Trainiere ich und genieße die Zeit beim Training bevor ich mir mein neues Trikot für die Hallensaison überstreife.

Mein Ziel und Motto für 2018: Zufriedenheit und überrasch dich selbst!

Eure